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Voigt Jorinde

Titel: "Words and Views, Study 1", 2012
Technik: Farbiges Velin-& Ingrespapier, Bleistift,
Tinte auf Aquarellpapier
Format: 60 x 90 cm
Auflage: Unikat
signiert und datiert
gerahmt

Preis auf Anfrage

Konzept der Arbeit:
„Piece for Words and Views“, 2012

In ihrer neuen Serie aus 36 Zeichnungen „Piece for Words and Views“ beschäftigt sich Jorinde Voigt mit Prozessen von Wahrnehmung und Vorstellung. Dabei dienten der Künstlerin Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ (2004) sowie Douglas R. Hofstadters „Gödel, Escher, Bach. Ein Endloses Geflochtenes Band“ (1979) als Vorlagen. Voigt setzt Wörter aus den Klassikern in ihre verschlüsselte Sprache aus Notation und Collagetechnik um. Die Unterteilung der Serie in drei Blöcke (21, neun und sechs Blätter) spiegelt Voigts Auseinandersetzung mit den verschiedenen Kapiteln der Bücher wider. Der Zeichenzyklus ist als unmittelbare Fortführung der Collagen „308 Views on Plants and Trees“ und „100 Views on Chinese Erotic Art. From 16th to 20th Century“ (2011) entstanden. Nach der Welt der Botanik und der Bildenden Kunst folgt nun die Literatur als Forschungsfeld der Künstlerin.

Form und Farbe
Jede Farbfläche der Serie entspricht einem zitierten Wort. Es handelt sich dabei um Begriffe, die bei der Lektüre des jeweiligen Kapitels spontan Bilder in der Vorstellung der Künstlerin auslösen, etwa Spule, See, Werther oder Herz (Blatt 1). Ihrer intuitiven Assoziation folgend, umreißt Voigt die Silhouetten der imaginierten Gegenstände, Situationen oder Zustände auf entsprechend farbiges Papier. Die Farbflächen werden in den darauf folgenden Schritten ausgeschnitten, auf dem Blatt angeordnet, als Ansichten (Views) nummeriert und mit Wortlaut, Kapitel und Seitenzahl des Buches beschriftet. Zusätzlich führt Voigt diese Quellenangabe in der Legende am unteren Bildrand auf: Spule (S.30, Chapter Abwesenheit / R. Barthes: Fragmente). Durch die synchrone Darstellung von Farbe und Form lassen sich einige Farbflächen wieder erkennen, wie die zwei orangefarbigen Spulen mit Band.

Bewegung
In Form von geschwungenen Pfeilen kreiert Voigt räumliche und zeitliche Daten, um die abstrakten Flächen in der Jetztzeit unserer Vorstellung zu verorten. Entsprechend der sieben Views auf Blatt 1 werden alle Daten von 1-7 dekliniert. Zudem notiert Voigt sieben Externe Zentren, nach denen sich die Himmelsrichtungen N-S ausrichten. Weitere Angaben wie Windrichtung, Windstärken 1 km/h und Rotationsrichtung, Rotationsgeschwindigkeit 7 Umdrehungen / Tag versetzen die Spule in eine imaginäre Drehbewegung. Im Verlauf aller Blätter der Serie führt die Künstlerin diese Dynamik fort: die angegebene Rotation steigert sich beispielsweise von 8-15 Umdrehungen / Stunde (Blatt 1) bis zu 8-42 (Blatt 2). Darüber hinaus dekliniert Voigt auf einem Blatt den Zeitraum Vorgestern, Gestern, Heute, Morgen, Übermorgen → ∞ sowie Repeat 1-7/ Year. Pro View findet eine zeitliche Verschiebung statt, so dass jeder Tag im aktuellen Heute wiederkehrt. Voigts „Piece for Words and Views“ ist eine Partitur über Zeit.

Melodie
Die zum Teil dramatische Linienführung des Elementes Melodie bildet den inhaltlichen und formalen Hintergrund der Serie. Jede einzelne Linie steht für eine mögliche Melodie, die Voigt von allen Himmelsrichtungen ausgehend notiert. Auf Blatt 1 sind insgesamt drei Melodie-Blöcke notiert, die jeweils eine Anzahl von 1-40, 1-50 und 1-36 Melodien aufweisen. Jeder Block wird von drei Zäsuren durchkreuzt und in Rotation versetzt. Die 1-36 Melodien des Blattes 1 drehen sich beispielsweise mit 8, 9 und 10 Umdrehungen/ Stunde um die eigene Achse. Die grafischen Partituren durchziehen die Zeichnungen, als würden sie die Blätter mit Musik unterlegen. Voigt zeigt die unendlichen Möglichkeiten auf, die eine Partitur in sich birgt und eröffnet darüber hinaus eine ungewöhnliche Schreibweise von Musik, die auf ein ebenso unkonventionelles Kulturverständnis hindeutet.

Rhythmus
Die Doppelung eines dargestellten Wortes sowie die Variierung über 36 Blätter hinweg gleicht der Komposition eines Musikstückes. In dem die Künstlerin die Farbflächen mehrfach wiederholt, betont sie zudem die Charaktereigenschaften der zitierten Wörter, wie die gelben Hosen des Werther, das tiefe Blau der See oder die organische Form des Herzens. Die Künstlerin begreift die Welt als einen Mikrokosmos, in dem ein Blick auf die Dinge nicht ausreicht. Mit diesem multiperspektivischen Vorgehen bezieht sie sich explizit auf die chinesische und japanische Maltradition, in der hunderte Ansichten eines Motivs angefertigt
wurden: Sammelbände wie „100 Views of Mount Fujii“ oder „Yoshitoshi´s One Hundred Aspects of the Moon“ dokumentieren diese Schule.

Vorstellung
Voigt greift intuitiv bildliche Wörter wie Schlange oder Welt aus den literarischen Werken heraus. Das Resultat ist eine Mischung aus gegenständlicher und abstrakter Darstellung: figürliche Formen wie der Hörer eines altmodischen schwarzen Telefons oder ein gelbes DHL Packet sind zu erkennen, während sich die undefinierbaren Flächen des Wohnsitzes nur über die Betitelung deuten lassen (Blatt 2). Die Künstlerin wirft damit grundlegende Fragen über visuelle Wahrnehmung und Kommunikation auf: kollektive Erinnerungen und Erfahrungen scheinen unsere Vorstellungen (Bilder) zu prägen, für die wiederum jeder Einzelne individuelle Wörter findet. Roland Barthes sucht in seinem Essay nach einer atopischen Sprache über die Liebe, d.h. nach einer angemessenen Ausdrucksweise für etwas Unbeschreibliches. In diesem Sinne sind auch Voigts Collagen Stadien zwischen einer kollektiven und individuellen Sprache.

Notation und Collage
Die Farbflächen repräsentieren Text, dessen Quelle auf dem Papier handschriftlich niedergeschrieben sind. Nicht die plane Papiersilhouette selbst, sondern die Umrisslinie, entlang derer die Fläche ausgeschnitten ist, deutet auf einen individuellen Duktus der Künstlerin hin. Denn dieser Linie ist die selbe Spontaneität eingeschrieben, wie der Assoziation der Künstlerin während des Lesens. Das Ausschneiden der Flächen ist im Vergleich zum Ausmalen ein ebenso beschleunigter Vorgang. Mit der Collagetechnik hat Voigt seit „308 Views on Plants and Trees“ (2011) zu einer neuen formalen Vorgehensweise für ihre Wahrnehmungsstudien gefunden. Indem Voigt in „Piece for Words And Views“ erstmals mit dem Zitieren von Literatur arbeitet, verschiebt sie Kategorien: Wörter erscheinen als Bilder und Musik als Schrift.

Lisa Sintermann(Nach einem Gespräch mit Jorinde Voigt am 23. Januar 2012)

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